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Institut für Geographie und Geologie

WGM56 - Vorwort

Globale und regionale ökonomische Prozesse - eine Einleitung

von Horst-Günther WAGNER ( Würzburg)
         
              

Im gleichen Maße wie die Wirtschaft durch zunehmende Globalisierung, also durch weltwirtschaftlich orientierte Unternehmensentscheidungen, interkontinentale Kapitalflüsse und flexible Standortbewertungen gesteuert wird, gewinnt die regionale Bedeutung ökonomischer Prozesse immer größere Relevanz. Diese These umfaßt negative und positive Aspekte.

Unterliegt die Wirtschaft eines Gebietes dem Druck entfernter und weltweit agierender Konkurrenten oder ist sie nicht in der Lage, sich rechtzeitig von der Erzeugung veralteter, nicht mehr gefragter Güter abzuwenden und neuen Produktionszielen, Herstellungsverfahren und Nachfragen zu öffnen, so gerät die regionale Wirtschaft durch vielfältige Folgereaktionen in eine Krisensituation. Altindustrialisierte Gebiete Europas bieten für das Ausklingen einst erfolgreicher industrieller Entwicklungswege viele Beispiele. Früher einträgliche Branchen und Betriebe können ihre Aktivitäten nicht mehr weiterführen. Arbeitslosigkeit, sinkende Kaufkraft der Bevölkerung und abnehmende Gewerbesteuereinnahmen der Gemeinden lösen eine Kettenreaktion sich noch selbst verstärkender negativer Entwicklungen aus. Fehlen die Kräfte der Erneuerung, verfällt ein Wirtschaftsraum in Stagnation. Die noch verbliebenen Fachkräfte und Ideenträger wandern in andere Regionen ab. Manche früher blühende Wirtschaftsregionen wurden so später zu peripheren Gebieten, die sich nicht mehr erholten.

Umgekehrt kann es einer Region gelingen, ihre ökonomischen Kräfte neu zu ordnen, sie intensiver als bisher zu vernetzen und ihre Standortqualitäten, also ihr endogenes Potential, umzugestalten. Gelingt dies, so können bislang gebietsfremde Unternehmer und Wirtschaftsbranchen Interesse an den neu geschaffenen Qualitäten einer Region finden. Sie werden sich ansiedeln, Innovationen mitbringen, darauf aufbauend Initiativen entfalten und sich ein für ihre weitere Entwicklung notwendiges adäquates Feld bisher nicht vorhandener Standortbedingungen neu schaffen. Auf diese Weise kann aus einer Krisensituation wieder eine Wachstumsregion werden.

In der Raumwirtschaftstheorie wird dieser Übergang einer Region aus dem wirtschaftlichen Abschwung in einen neuen ökonomischen Aufstieg mit dem Bild des "Produkt-Lebens-Zyklus" beschrieben. Entscheidend ist dabei, daß nicht mehr marktfähige Erzeugnisse durch neue, gut verkäufliche ersetzt werden. Dieses Vorstellungsraster vom Wechsel eines Leitproduktes von alt zu neu kann auch auf einen Wirtschaftsraum übertragen werden. Man sieht darin einen "regionalen Lebenszyklus". Die Industrieregion Schweinfurt folgte im historischen Ablauf weitgehend diesen beiden Modellen. Am Anfang standen seit ca. 1880 die Innovationen von im wesentlichen zwei Produkten, der Großserienproduktion von Kugellagern und Fahrradnaben sowie deren betrieblicher Kombination. Weitere Erfindungen zur Verbesserung der Produktionswege, Investitionen mit dem Ziel der Massenproduktion und ein schon früh weltweites Kooperations- und Absatzwegenetz führten nicht nur die neuen Erzeugnisse, sondern gleichzeitig auch die Region Schweinfurt in eine lang anhaltende Prosperität. Kontrovers wird die Frage nach den entscheidenden Ursachen des Niedergangs der über viele Jahrzehnte erfolgreichen Faktorkombination diskutiert. Tatsache ist jedoch, daß veränderte Märkte und andere, räumlich weit entfernte Konkurrenten einen Abwärtstrend einleiteten.
Erneuter Aufschwung für die Region war nur durch neue Leitprodukte, eine Diversifizierung ihrer Palette und vor allem von einer positiven Nutzung der Globalisierung zu erwarten, nämlich sie zu zwingen, nicht anonym-weltweit, sondern sich konkret in der Region Schweinfurt zu vollziehen. So kann als Motiv gelten: Globalisierung ist gut, wenn sie bei uns stattfindet.

Unter diesem Blickwinkel bilden beide, Globalisierung und Regionalisierung zwei Seiten einer Medaille. Für die Wirtschaftsgeographie, einer sich mit der räumlichen Ordnung und den zeitlichen Wandel der Wirtschaft beschäftigenden Wissenschaft, ergeben sich daraus wichtige Forschungsziele. Die hier veröffentliche Untersuchung folgt der Frage, wie in der Region Schweinfurt die zunächst negativen Konsequenzen des wirtschaftlichen Wettbewerbs schrittweise wieder in Wachstumsimpulse gewandelt haben.. Die besondere Leistung der hier vorgelegten Arbeit ist in der konzentrierten Darstellung des Übergangs von einer Phase zur anderen, also aus einem nicht mehr konkurrenzfähigen in einen wieder attraktiven, neue Unternehmen anziehenden Standortraum zu sehen.

Die Verfasserin legt eine zusammenfassende Dokumentation der wirtschaftlich für Schweinfurt schwierigen Zeit nach Beginn des Niedergangs seiner monostrukturellen, klassischen Industriezweige vor. Detailliert wird der Ablauf der entscheidenden Phasen der Krisenwahrnehmung und die Schritte zu ihrer Bewältigung herausgearbeitet. Dazu war es notwendig, vielfältige Daten und Informationen, die nicht in der amtlichen Statistik oder in offiziellen Dokumenten enthalten sind, mit Hilfe unterschiedlicher Methoden, insbesondere durch freie Interviews bei Schlüsselpersonen zu erheben. Der Autorin gelang dies durch Anwendung zahlreicher Verfahren der empirischen Sozialforschung. Damit konnten Hintergründe und Charakteristika des jüngsten wirtschaftsgeographischen und -politischen Entwicklungsweges der Industriestadt Schweinfurt von einer einseitig altindustrialisierten in eine durch Ansiedlung moderner Produktionszweige und wertschöpfender Dienstleistungen vielseitig strukturierten Wirtschaftsregion dargestellt wird. Die Verfasserin erfaßt vor allem die Akteure des Strukturwandels und deren Entscheidungen, durchleuchtet die verschiedenen Ebenen und deren gegenseitige Beeinflussung und Abhängigkeit. Sie zeigt, wie die Krise zu Beginn der 90er Jahre als externer Impuls die Überwindung einer historisch entstandenen, ursprünglich durch hohe Innovationskraft erfolgreich aufgeblühten und deshalb politisch über lange Zeit stabilisierten und geförderten einseitig ausgerichteten Kugellager- und Automobilzulieferindustrie Schweinfurts eingeleitet hat.

Die Arbeit gibt einen vergleichenden Überblick der konzentrierten Bemühung staatlicher, regionaler, kommunaler und privatwirtschaftlicher Akteure, den Strukturwandel einzuleiten und voranzutreiben. Die Veröffentlichung dieser Diplomarbeit dient einem doppelten Zweck: Der Veranschaulichung des fachmethodisch viel diskutierten Modells des "regionalen Lebenszyklus" an einem konkreten Beispiel und sollte für Studierende Anreiz bieten, Einblick in die Möglichkeit eines berufsnahen und -qualifizierenden Forschungsprojektes zu gewinnen.    

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